An was halten wir uns fest?

Warschauer Straße, Berlin

Der Wecker klingelte um sieben, müde schälte ich mich aus meiner Bettdecke, setzte Tee & Kaffee für Babette & mich auf, machte mich bereit für den Tag.
Gegen halb neun reihte ich mich in die Schlange am Ticketschalter für Akkreditierte ein. Lang war sie. Sie schlengelte sich mehrfach vor der Eingangstür & noch einige Male im Gebäudeinneren. Aber viertel zehn hielt ich vier Tickets für den Mittwoch in der Hand: Die Wettbewerbsfilme »Pradé« & »Nachtzug nach Lissabon« waren darunter und auch eine Karte für »Salma« sowie den Dokumentarfilm »Out in Ost-Berlin – Lesben und Schwule in der DDR« konnte ich ergattern. Aber zu diesen Filmen morgen mehr!
Anschließend fuhr ich zu Kristin, Marcel & der elf Wochen alten Tilda. Sie hatten mich zum Frühstück eingeladen. Es war ein sehr schöner & entspannter Besuch, trotz der jungen Familie. Schön.

»Lore«

Um 11:30 Uhr dann mein erster Film für heute: »Lore«. Die dt.-australische Produktion erzählt die Geschichte um die 15jährige Lore, Tochter eines hohen Nazi-Offiziers, die sich nach dem Ende des Krieges allein, zurück gelassen von den Eltern, mit ihren vier jüngeren Geschwistern (eine 10jährige Schwester, zwei etwa fünfjährige Zwillingsbrüder & ein Baby) aus dem Schwarzwald zur Oma, die auf einer Hallig nahe Husum lebt, durchschlagen muss. Das Selbstbild & Selbstverständnis von Lore kommt immer stärker ins Wanken, das, an was & wen sie geglaubt hat, gibt es nicht mehr. Und dann stößt auch noch Thomas, etwa 18 Jahre alt & mit einem jüdischen Pass, zu ihnen & begleitet sie.
Der spanende Film erzählt mit eindrucksvollen Bildern eine Geschichte über Niederlage, Glauben, hinterfragen der eigenen Biografie & der der Eltern. Es wird niemand angeklagt, die Zuschauenden müssen sich auch ständig selbst hinterfragen. Die Schauspielerin, welche die Lore spielt, ist nicht umsonst als Nachwuchsschauspielerin nominiert.

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»A Single Shot«

Dann ging es auch schon weiter – im Delphi. Dort schaute ich mir die amerikanisch-kanadische Produktion »A Single Shot« an. Ein Mann geht allein auf die Jagd & jagt ein Reh. Er trifft eine Frau tödlich. Ganz in der Nähe, wo sie Unterschlupf gefunden hat, findet dort einen Brief und eine Box mit viel Geld. Die Frau lässt er dort in einem Container zurück. Doch nun wird er selbst zum Gejagten: seine Frau & Kind haben ihn verlassen, die väterliche Farm hat er verloren. Beides will er zurück. der Anwalt, der irgendwie erfährt, dass er zu Geld gelangt ist, düstere, stark tätowierte Typen lauern ihm auf. Sein schmieriger Freund zeigt sein wahres Gesicht. Immer stärker wird er eingekesselt & er muss Haken schlagen, um zu entkommen. Eine düstere Geschichte bei der sich Räume durch die Kameraperspektive immer weiter verengen, der kalte blaugraue Winterwald verstärken den Alptraum aus dem es kein entrinnen gibt.
Eine gute Story, nur für mich mitunter schwer zu verstehen, da die Männer amerikanischen Slang, verstärkt durch Kautabak nuschelten.

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Danach Pause & mit Babette Kuchen und kleine Schokoküsse verspeist. Eine kleine Ruhepause war auch noch drin.
Kurz nach neun brach ich dann zum Berlinale-Palast auf. Juliette wartete.

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Es war kurz vor 22:00 Uhr und die Leute strömten ins Kino. Auf einer Leinwand im Saal wurden live-Bilder vom roten Teppich übertragen. So konnten alle sehen, wie Hauptdarsteller*innen & Regisseur dem Blitzlichtgewitter gegenübertraten & ihre Foto im Palast signierten.

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»Camille Claudel 1915«

Kurz nach 22 Uhr ging der rote Vorhang auf & der Film »Camille Claudel 1915« begann.
Der Film beschreibt das Leben der Bildhauerin in einer psychiatrischen Anstalt in den französischen Süden nahe Avignon, in die sie ihre Familie nach zehn Jahren völliger Einsamkeit in ihrer Pariser Wohnung einliefern lies. Ihr Alltag ist von alltäglichen Dingen wie Baden, Essen, Beten & Spaziergängen mit den geistig beeinträchtigten Patient*innen bestimmt. Diese spielen sich selbst & somit ihre eigentliche Wirklichkeit in der sie aber auch Camille gefangen ist. Sie findet ein Stück Ton, knetet es mit den Händen, weint, wirft es weg. Nur selten spielt der Film außerhalb der dicken Anstaltsmauern. Die Frauen sind weggesperrt, es gibt keine (kaum) geistige Anregung. Die Kreativität verkümmert.
Die Künstlerin bleibt ihr bis zu ihrem Tod 1943, obwohl der Arzt dem angereisten Bruder rät, sie wieder zurück zu holen.
Beklemmend ist der Film, keine Filmmusik, die Szenen werden außengereizt. Es ist anstrengend. Ein Nachfühlen somit ermöglicht.
Erschöpft verließ ich das Kino & fiel kurz vor 1:00 Uhr in mein Bett.

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