Eine indische Traumhochzeit.

Eine indische Traumhochzeit.

Kurz vor sechs klingelte unser Wecker. Beli sprang sofort auf und verschwand im Bad, um sich für die Hochzeit zurecht zu machen. Ich nutze die nächste viertel Stunde fürs wach werden. Dann ging auch ich ins Bad.
Erfrischt, geschminkt, die Haare gerichtet, den Schmuck angelegt sowie mit Unterrock und Bluse bekleidet erschienen wir halb sieben bei Caro im Zimmer, wo uns eine Bekannte von Narens Familie die Saris um die Körper wickelte, drapierte und mit Sicherheitsnadeln fest steckte.
Wir sahen alle WOW aus und unbewusst hatten wir uns alle in blau-grünen Farben gekleidet.

Eine indische Traumhochzeit.

Noch ein kleiner Snack am Frühstücksbuffet und dann ging es in die Hotel-Lobby, in der der Hochzeitsfotograf Braut und Gefolge fotografierte. Anjali trafen wir hier. Sie war in einem wundervollem pink-orangefarbenen Sari gekleidet, hatte tollen goldfarbenen Schmuck um und duftende Jasminblüten im Haar. Sie sah einfach toll aus.
Es gab Fotos von der Braut, Braut mit Eltern, Braut mit allen Freundinnen, Braut mit allen Freunden, Braut mit einzelnen Freundinnen, Braut mit allen Deutschen, Braut sitzend, Braut stehend, Braut mit Brautmutter, …

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Kurz vor acht kam der Bus und wir fuhren gemeinsam zum Attukal Bhagavathy Tempel, welcher der Göttin Bhagavathy gewidmet ist. Bhagavathy wird als »Supreme Mother« verehrt.
Wir ließen unsere Schuhe im Auto und gingen in unseren schönen Saris oder Dhotis (für die Männer) in den Tempel.

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Hier musste erst noch der Papierkram erledigt werden. Während Anjali, Naren und die jeweiligen Eltern Unterschriften leisten mussten, schwitzen wir anderen einfach nur herum und schauten uns das Treiben im Tempel an. Natürlich wurden auch wir von allen neugierig beäugt.

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Dann ging es ins Heiligste & wir holten uns den Segen der Göttin für die Trauung.
Dann Fotoshooting einmal rings herum um das Heiligste. Das Brautpaar vorn weg & die fotohungrige Menge – angeführt vom Hochzeitsfotografen – hinterher. Immer wieder hielten wir an für Aufnahmen neben einem Eingang, neben einem Schrein & das Brautpaar wurde in Szene gesetzt. Dazwischen immer Beten an kleineren Schreinen.

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Nun noch ein wenig warten auf die Glück-verheißende Zeit. Mittlerweile waren auch einige Cousins, Cousinen, etc. von Naren eingetroffen.
Schließlich war es soweit. 9:45 Uhr.
Wir gingen vor den Tempeleingang für die Trauung.
Das Brautpaar kniete nacheinander vor den Brauteltern nieder für den Heiratssegen. Da Naren der Kaste der Krieger (Clan Nair) zugehörig ist, fiel die Hochzeit vergleichsweise puritanisch aus. Als wichtigstes Ritual bekam Anjali von Narens Schwester einen goldenen Anhänger, der die Gebärmutter symbolisiert, umgehängt (wenn der Vater tot ist, übernimmt diese Aufgabe die älteste Schwester). Der Anhänger ist auf einem gelben Band aufgefädelt, das drei mal geknotet wird. Während dies geschah stießen einige Anwesende jubilierend-jallende Geräusche der Zustimmung aus. Anjalis Vater übergab die Hand seiner Tochter an Naren.
Nun waren sie vor den Göttern (& Göttinnen) verheiratet.
Anjali wurden außerdem zwei Hochzeits-Saris von Narens Familie überreicht. Im Anschluss wurden dann auch noch Ringe getauscht.
(Es gab noch weitere Elemente, die zur Zeremonie gehörten, aber ich konnte aufgrund der anwesenden Menschen nicht alles sehen & verstehen. 🙂 )
Dann ging es noch einmal in den Tempel und für verschiedene Fotos um den inneren Tempel herum.

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Nun ging es zurück und zu Narens Haus. Hier wurde Anjali symbolisch an Narens Familie übergeben: beide betraten den Hof, die Familie trat aus dem Haus heraus, mit einer Mischung aus Erde und Gras vom Hof wurden sie auf der Stirn gesegnet. Dazu gab es wieder ein jallendes Geräusch der Anwesenden. Ein goldener Lichthalter wurde an Anjali überreicht, während eine Frau ein Lied anstimmte. Anjali und Naren betraten nun gemeinsam das Haus und gingen zum Hausaltar. Wir durften folgen. Dort stellte Anjali den Kerzenleuchter ab.
Im Eingangsraum nahmen sie nun auf einem Sofa Platz und ihnen wurde von Naren’s Mutter mit einem Teelöffel eine milchige Flüssigkeit eingeflößt. Anschließend durfte Naren Anjali mit einem Stück Banane füttern. Nun wiederholte Narens Schwester den Akt. Anjalis Mutter und Vater folgten. Im Anschluss durften noch alle, die wollten, dies ihnen gleich tun.
Auch hier wurden wieder einige Fotos vom Paar allein, mit Eltern, mit erweiterter Familie, mit Freund_innen, etc. gemacht.

Eine indische Traumhochzeit.

Dann ging es zurück ins Hotel. Während wir uns ein wenig ausruhten, zog Anjali ihren Sari an, den sie von Narens Familie geschenkt bekam.
Kurz nach 12:00 Uhr trafen wir uns alle im Empfangsraum des Hotels wieder. Anjalis Vater hielt eine sehr persönliche, lustige & sehr bewegende Rede auf das Brautpaar & die anwesenden Gäste. Hendrik performte im Anschluss eine Kleine Geschichte über die Sleeping Beauty & the Frog bevor Naren alle zum Hochzeitsessen einlud.
Wir aßen ein typisch keralisches Menu vom Bananenblatt – natürlich mit der rechten Hand. In der Mitte wurde Reis aufgetragen, links eine Banane & oben verschiedene unterschiedlich gewürzte Speisen. Die einen waren sehr süß, manche sehr würzig & andere sehr scharf. Insgesamt 29 Elemente.

Eine indische Traumhochzeit.

Nach dem Essen ging es wieder in den Empfangssaal und alle, die wollten, durften sich nun mit dem Brautpaar fotografieren lassen. Und alle wollten natürlich, denn sonst gibt es ja gaaaar keinen Beweis, dass man da war. 😉 Der Fotograf instruierte jeweils die Menschen für das Foto, wie sie sich zu setzen hatten. Und am liebsten wollte er alle sehr close together haben.
Die Braut und ihr Bräutigam strahlten die ganze Zeit über nur so vor Glück. Und dies übertrug sich sofort auf alle anwesenden Gäste.
Es war eine wunderbare Hochzeit und ich wünsche den beiden ganz viel Glück, einen langen Atem für den anstehenden Papierkram und die Bürokratie überall.

Eine indische Traumhochzeit.

Nun erst einmal innehalten und verschnaufen. Die meisten zogen sich auf ihre Zimmer zurück und entspannen erst einmal. Dies machte ich auch. Außerdem regnete grad sehr. Währenddessen besuchte Beli die Ayurveda-Klinik um die Ecke für eine Massage. Dies war gar nicht so einfach: Beli sprach Englisch, der Herr am Empfang kaum. Per Telefon organisierte er eine Masseurin, die Beli schließlich verarztete:
Für eine ayuvedische Ganzskörpermassage ist es wichtig, sich ganz auszuziehen. Man bekommt dann einen Lendenschutz an und legt sich auf ein hartes Holzbrett. Dann wird von vorn und hinten sehr gut eingeölt und massiert – eine Stunde. Im Anschluss ging es dann in eine Art Dampfbad: man setzt sich in einen Schrank, bei dem oben nur der Kopf heraus schaut. Von hinten wird nun heißer Dampf herein gelassen.
Zum Schluss konnte sich Beli mit Eimer und kleinem Schopfeimer abwaschen. Die nette Masseurin half ihr dabei.

Kurz nach sechs trafen wir uns – eingekleidet in unsere Saris, Dhotis und Salwar Kameez- in der Hotellobby & bereit für ein weiteres Erlebnis: einer Puja zu Ehren der Göttin Kali (wie wir später erfuhren).
Mit Bus & Auto fuhren wir zum Haustempel der Familie Nair. Die Schuhe ließen wir wiederum im Auto & liefen die paar Meter über den nassen, warmen Asphalt zum Eingang. Wir gingen hinein und dann mussten die Männer ihre Oberteile ausziehen, konnten ihre Schultern allerdings mit einem Tuch bedecken. So durften wir das Innere des Tempels betreten.
Wir gingen zum Hauptaltar. Wir alle drängten uns um das Allerheiligste und ergatterten einen Blick ins Innerste. Die Gläubigen unter uns sprachen ein Gebet und Naren Mutter gab dem Priester einen Zettel – wahrscheinlich mit dem Wunsch für die Puja.
Der Priester saß neben der heiligen Figur und bereitete auf einigen Bananenblättern verschiedene Opfergaben aus und legte diese dann beiseite. In der Zwischenzeit konnte man das Allerheiligste umrunden – einmal, dreimal, … wieoft ist egal, aber es muss immer eine ungerade Zahl der Umrundungen ergeben. Dann mussten wir das Innerste des Tempel verlassen und die Türen wurden verschlossen.

Wir mussten ein paar Minuten warten, bevor sich die Tore für uns öffneten und wir uns erneut um den Eingang zum Heiligsten versammeln durften. Auch hier war die Tür verschlossen. Als wir uns alle aufgestellt hatten, kam der Priester heraus, blies in eine Muschel mit einer Flamme, diese hielt er vor die erste Person, die dort war und diese ging mit den Händen darüber und hielt diese dann vor das Gesicht – dies dient zur Reinigung. Die erste Person ging nun mit der Flamme herum und alle durften sich so reinigen. Nun bespritze der Priester alle mit etwas geweihtem Wasser.
Wir durften uns um ein in einer Tempelecke unter einem Dach – mit gefärbten Mehl – aufgemalten Kali-Bild gruppieren. Sie sah dunkel, wunderschön und sehr filigran aus.
Der Priester verteilte angezündete Dochte auf auf die umsehenden Kerzenleuchter. Nun setzte er sich davor, läutete mit einer Glocke, woraufhin zwei Thavil-Spieler (Fasstrommel) und ein Mann auf seinem Blasinstrument einstimmten. sprach verschiedene Mutras und bewegte dabei Finger der rechten Hand zum Daumen und die ganze Hand vom Körper weg und zum Bild hin. Dann warf er verschiedene Blüten aufs Bild und spritzte Wasser darüber . Zunächst nur auf den unteren Teil des Bildes, später, nachdem er weitere Mutras gesprochen hatte, auch auf das ganze Bild. Am Ende nahm er einen kleinen Reisigbesen und zerstörte damit das Bild. Die mit einem Blumenkranz geschmückte riesige Sichel – Symbol der Kali nahm er mit.
Nun ging der Priester zu einem weiteren überdachten Punkt. Dort hatte ihm ein Helfer schon einige Dinge aufgestellt: zwei kleine goldene Schalen, eine Halterung für eine Muschel, eine große Schale mit Blüten. Dahinter gab es drei, auf Kopf gedrehte, große Schalen. Der Priester stellte die Sichel nun hier auf. Während der Priester auf einem Brett Platz nahm, zündete der Helfer des Priesters ein aufgefächertes Räucherwerk an. Im Hintergrund stellte er verschiedene, riesige Krüge auf. Der Priester läutete erneut mit einer Glocke, daraufhin stimmten die beiden Trommler und der Mann auf seiner Nadhaswaram (Blasinstrument) erneut mit ein. Auch hier sprach der Priester wieder verschiedene Mutras, warf Blüten als Opfergaben auf die Schalen und benetzte diese mit Wasser. In de Muschel goss er unter Mutras Wasser hinein und goss dieses Wasser ebenfalls über die Schalen. Her ging mit dem Rauchwerk darüber. Der Helfer hob die Schalen an und der Priester hielt das Rauchwerk darunter. Zwischendurch läutete der Priester erneut mit der Glocke, die Musikinstrumente verstummten. Dann wurden die Schalen umgedreht, kurz war auch hier jeweils eine Zeichnung mit eingefärbten Mehl sichtbar.
Erneutes Aufspielen der Musik. Nun warf der Priester Blüten, ein paar grüne Gräser in die Schalen und goss mit der Muschel Flüssigkeiten hinein. Nun rührte er in der Muschel mit Blüten, Gräsern und einigen weiteren Zutaten ein kleines Gebräu an. Dies verteilte auf die drei Schalen. Während der Priester weitere Mutras aufsagte, goss einer der Helfer das Wasser aus den Krügen in die Schalen, erst ein wenig in alle drei, dann soviel, dass alle Schalen bis zum Rand voll waren. Der Priester stand auf und fing nun an, das blutrot gefärbte Wasser mit den Händen aus den Schalen heraus zu schöpfen und zu spritzen. Es sah sehr wild und mächtig aus. Wenn eine Schale fast leer war, kippte der Priester sie nun ganz um und die Schale kreiste jeweils kurz über dem Boden, bevor sie blieb. Als die letze Schale umfiel nahm der Priester die Sichel und schlug mit dieser eine Bananenstaude von einem Ast ab, der davor befestig war.
Dann zündete er eine Flamme an, mit der wir uns nun wieder reinigen konnten und er spritze heiliges Wasser auf uns. Auf unsere Handflächen (die rechte auf die linke) wurde nun eine süßlich schmeckende Flüssigkeit gegossen, die wir zum Mund fuhren sollten. Der Priester verschwand erneut im Allerheiligste und holte die Opfergaben heraus, die er uns allen gab: auf einem Bananenblatt waren neben Blüten und Gräsern auch eine gelbe Flüssigkeit und roter Puder. Dies durften wir uns nun auf die Stirn punkten.
Als wir den Tempel verließen, bekamen wir noch eine Milchreis-ähnliche Speise in einem Becher zum ausschlürfen.

Zurück zum Auto und schließlich zurück ins Hotel. Während sich einige aufgrund der fortgeschrittenen Zeit bereits auf Zimmer zurück zogen, nahmen einige von uns noch einen kleinen Spät-Abend-Snack ein.

Was für ein aufregender, ereignisreicher Tag mit so vielen, nahezu unbeschreiblichen Erlebnissen. Ich denke, ich brauche die nächsten Tage, dies alles verarbeiten zu können, muss mich mit den anderen darüber austauschen und Anjali befragen, was das alles zu bedeuten hat.
Auf jeden Fall bin ich sehr dankbar, dies alles miterlebt haben zu dürfen. Denn es ist schließlich nicht überall üblich, dass nicht Nicht-Hindus an solchen Zeremonien teilnehmen dürfen.
Dem Ehepaar wünsche ich nochmals alles Gute für ihre gemeinsame Zukunft. Auf dass das Schicksal es gut mit ihnen meint.

Aber nun gute Nacht. Morgen machen wir einen Bootsausflug. Die anderen und ich sind schon gespannt.

Eine indische Traumhochzeit.

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7 Comments

  • Hallo Kirsten, Du hast uns diesmal lange warten lassen auf Deinen Bericht. Aber so viele Eindrücke, die muss man ja erst einmal verarbeiten. Schön, dass wir daran teilhaben können. Auch wir wünschen dem jungen Paar viel Glück und alles Gute. Euch noch einen schönen Urlaub.
    Liebe Grüße aus MD P + M.

    • Ja das stimmt, das war wirklich alles so toll, nahezu unbegreiflich & ein Geschenk, dass wir dabei sein durften. Das Verarbeiten dauerte wirklich eine Weile & das aufschreiben noch ein wenig länger.
      Und die aktuell sehr schlechte Internetverbindung aufgrund der Regenfälle tut ihr übrigens. 🙂

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