Glokal Powersharen oder meine Eindrücke vom 13. bpb-Kongress.

Einstimmung auf die #BukoPB15 mit nem Pott Suppe im Pott.

Menschen, die mich kennen, wissen es längst: ich kann nicht nur fotografieren, Kunst und Filme gucken, gestalten, basteln, kochen oder reisen – nein, ich interessiere mich u.a. auch für Politik und Themen wie Empowerment, Inklusion, Emanzipation, Feminismus, Ökologie oder auch die  kritische Betrachtung des Kulturbegriffes.

Genau deshalb freute ich mich sehr, dass die Bundeszentrale für Politische Bildung, kurz bpb zum 13. Bundeskongress für Politische Bildung vom 19. bis 21. März 2015 nach Duisburg einlud. Titel der Veranstaltung dieses Mal: Ungleichheiten in der Demokratie.
Als die Einladung dazu in meinem Email-Postfach landete, war ich sofort sehr angetan. Als meine Kollegin und Freundin Mirja aus Niedersachsen fragte, ob wir die Tagung gemeinsam besuchen wollen, sagte ich ihr sofort zu und wählte aus dem sehr vielfältigen und sehr interessanten Sektionen und Workshops aus.
Besonderer Pluspunkt dieser Tagung war der Ort: Duisburg im Ruhrpott. – Du weißt ja, seit Herbst 2014 hab ich mich ja ein wenig in diese Städteanballung verguckt.

13. Bundeskongress Politische Bildung – Ungleichheiten in der Demokratie
13. Bundeskongress Politische Bildung – Ungleichheiten in der Demokratie

Think global, act local.

Benjamin Barber - Eröffnungsvortrag 13. Bundeskongress Politische Bildung
Benjamin Barber – Eröffnungsvortrag 13. Bundeskongress Politische Bildung #BukoPB15

Auftakt der Veranstaltung war im Landschaftspark Duisburg. Zunächst erhielten wir die Möglichkeit, den Landschaftspark mit dem Rad oder im Rahmen einer Hüttentour zu erkunden. Wir entschieden uns für Letzteres. Schließlich gab es Begrüßungsworte, bevor Prof. Dr. Benjamin Barber seine Eröffnungs-Keynote in der Gebläsehalle hielt.

Die mir wichtigsten Aspekte seines Vortrages sind kurz zusammengefasst folgende:

// Es ist der falsche Weg, wenn die Mehrheit die Demokratie nutzt, um Minderheiten bloßzustellen und zu unterdrücken. Beispiele hierfür gibt es in der jüngsten Vergangenheit viele.
// Der Begriff Demokratie muss im 21. Jahrhundert neu gedacht werden. Hierbei muss sich bewusst mit dem Unterschied befasst werden. Europa darf sich auch nicht weiter nach außen hin abschotten und die Mauern (vor allem in den Köpfen) weiter hochziehen.  Globales Denken und lokales Handeln muss fokussiert und weiter ausgebaut werden. Hierbei misst Barber den Städten eine besondere Rolle zu.
// Städte sind älter als Staaten und bestehen oft fort, wenn ein Staat sich ändert oder zusammen bricht. In den Städten können nach Auffassung von Barber Impulse für ein neues demokratisches Zusammenleben gesetzt werden. Er prägt hierbei den Begriff GOKAL, der sich aus Global und Lokal zusammen setzt.
// Dabei ist zu Fähigkeit zuzuhören extrem wichtig um kulturelle Unterschiede zu beleuchten und zu würdigen.

Exklusion und Inklusion.

Am Freitag hatte ich mich für die Sektion 4 – Exklusion und Inklusion – entschieden. Hier ging es um die Fragestellung, wer drinnen ist und wer draußen bleibt und wie Ressourcen zukünftig besser verteilt werden können. Somit eine Sektion zum Thema »Macht, Gerechtigkeit und Intersektionalität« (bpb, 2015). Hier trafen unter der Moderation von Dr. Margret Spohn folgende vier Menschen aufeinander: Prof. Dr. Stephan Bundschuh (Hochschule Koblenz), Nuran Yigit (Beraterin & Coach für Empowerment, Antidiskriminierung & Antirassismus), Prof. Dr. Stefan Liebig (Universität Bielefeld) sowie Prof. Dr. Anne Waldschmidt (Universität zu Köln).
Die Impulsreferate sowie die einleitende Diskussion wurde live übertragen. Einen Mitschnitt dazu gibt es auch:

Die wichtigsten Impulse für meine weitere Arbeit sind folgende:
Prof. Bandschuh untersuchte an einer Förderschule, an der auch viele Sinti zur Schule gehen, wie Exklusion funktioniert. Seine Erkenntnisse daraus sind unter anderem:

// Die Anerkennung der Anderen beginnt damit, dass man ihnen zuhört und mit ihnen diskutiert.
// Die Mehrheit lässt sich nicht vorschreiben, wie sie kategorisiert und stigmatisiert.
// Somit ist er auch für die Auflösung des viergliedigen Schulsystems und für ein gemeinsames Schulsystem, das gleichberechtigt funktioniert.

Nuran Yigit berichtet in ihrem Impuls über ihre Arbeit mit dem Schwerpunkt Empowerment und Powersharing. Ihrer Ansicht nach reicht es nicht, aus, dass eine einseitige Sensibilisierung der Machtstarken stattfindet. Vor allem die Betroffenen von Diskriminierung brauchen Orte zur Bewusstwerdung und Selbstreflexion. Hier finden diese Menschen Anerkennung und es können Heilungsprozesse angestoßen werden. Ein erster Schritt sich selbst zu unterstützen und zu organisieren. Im nächsten Schritt geht es ihr darum, dass die Betroffenen durch Selbstermächtigung nach außen gehen und selbst etwas gegen die Diskriminierung tuen. Sie benutzt dafür den Begriff des Powersharings, das Pedant zum Empowerment. Das Einfordern von Änderungsprozessen kann hierbei nur durch die Unterdrückten selbst kommen.

Im Anschluss stellte Prof. Liebig seine Gleichheitsforschungsstudie vor. Daraus geht hervor, dass für das subjektive Gerechtigkeitsempfinden es eine angemessene Form von Ungerechtigkeit gibt. Er führt dafür das  Gender wage gap (22% > 6%) an: Frauen wählen demnach oft weniger gut bezahlte Berufe aus und haben aufgrund von Pausen geringere Berufserfahrung und mitunter geringere Ansprüche an einen Job. Auch das Immigrant-Native wage gap nennt er. Hier sei die Ursache zum Teil inkompatible Bildungsabschlüsse von Migrant*innen. Auf dem Arbeitsmarkt wären sie somit geringeres allgemeines und spezifisches Humankapital. Mit Blick auf den auf den Bildungssektor stellt er somit folgendes fest: Menschen die mehr (Geld) in die Bildung investieren, wollen auch mehr Bildung erhalten. Somit wird die Ungleichheit aktiv von Menschen mitgestaltet (öffentliche/private Schulen und Wettbewerbsprinzip).
Somit haben Ungleichheiten in unserer Gesellschaft eine Funktion und wir müssen aktiv etwas dafür tun, wenn wir in einer gerechteren Gesellschaft leben wollen (z.B. anonymes Bewerbungsverfahren).

Prof. Waldschmidt identifiziert durch ihre Studie, dass unser Schulsystem für Menschen mit Behinderungen einen Ungleichsort darstellt. Auch Menschen, die durch Armut betroffen sind, landen überproportional an Förderschulen. Somit tragen Förderschulen aktiv dazu bei, das Personen mit Mehrfachexklusion Bildungserfolge vorenthalten werden. Hier führt Waldschmidt nun die aktive Bürger*innenschaft an, mit der diesem Phänomen entgegen gewirkt werden kann.
Nur wenn wir uns mit Menschen, die Diskriminierungserfahrungen haben solidarisieren und mit ihnen Allianzen schließen, können wir dem entgegen wirken.

In der sich anschließenden Diskussion gab es noch den Vorschlag, dass sich sogenannte Randgruppen austauschen und zu Koalitionen zusammen schließen müssen –  hin zu aktiver Bürger*innenschaft.

Folgende Fragen blieben bei mir hängen:

// Welche Konsequenzen haben Strukturveränderungen?
// auf das Denken in den Köpfen?
// auf den Markt?
// Wie werden Einstellungen hergestellt?
>> wie wird gefragt?
// Wissenschaft agiert aufgrund von Gesellschaft
>> Wer beeinflusst was?

Gleichheit ist nicht immer das Ideal. Ungleichheit bedeutet nicht gleich Unterschiede. Und wir Menschen müssen »ohne Angst verschieden sein können.« (Adorno, 1970)

13. Bundeskongress Politische Bildung – Ungleichheiten in der Demokratie #BukoPB15
13. Bundeskongress Politische Bildung – Ungleichheiten in der Demokratie #BukoPB15

Glück – ein Thema für die politische Bildung?

Am Nachmittag wollte ich wissen, wie Glück und politische Bildung zusammen passen und besuchte den Workshop von Jochen Dallmer.
Da das individuelle Glück sehr egoistisch ist, stellt sich die Frage, wie dies mit den Stichworten Gleichheit und Gleichberechtigung im sozialen Miteinander zusammen passt. Glücksdefinitionen sind vielfältig und pendeln zwischen Selbstbestimmtheit und Teilhabe. Und da in der heutigen Gesellschaft der Faktor Glück auf dem Arbeitsmarkt im Hinblick auf die Leistungsfähigkeit zunehmend eine wichtigere beigemessen wird bekommt die Frage nach dem Glück eine politische Dimension. Da Glück in jedem Fall immer etwas mit der persönlichen Reflexion zu tun hat und man Glück als einen Bestandteil der Wertebildung sehen kann, ist es wichtig, Menschen zu empowern, das (persönliche) Glück zu erkennen und Wege aufzuzeigen, sich dieses zu verschaffen. Ein gesunder Hedonismus ist demnach mitunter angebracht.

Zum Schluss stellte sich den Workshop-Teilnehmenden die Frage: »Würden Sie lieber im reichsten oder glücklichsten Land der Welt leben wollen?«

Soziale Ungleichheit – Was kann die Gesellschaft leisten?

Am Samstag ging ich mit Mirja in die Sektion »Soziale Ungleichheit – Was kann die Gesellschaft leisten?«. Hier diskutierten Prof. Dr. Christoph Butterwegge (Universität zu Köln), Prof. Dr. Ute Klammer (Universität Duisburg-Essen), Maxim Nohroudi (Mitgründer und CEO von allryder) und Dr. Brigritte Weiffen (Univerität São Paulo, Brasilien) unter der Moderation von Dr. Margret Spohn.

Prof. Butterwegge hielt gleich zu Beginn fest, dass die Unterschiede zwischen arm & reich politisch gewollt ist und in den letzten Jahren und Jahrzehnten durch Gesetze weiter verschärft wurde. Sein Leitbild ist die  inklusive Gesellschaft und er ist für die soziale Grundsicherung.
Prof. Klammer legte nahe, wie wichtig es ist, direkt mit den Menschen in Kontakt zu kommen und mit ihnen zu reden. Wichtig hierbei ist immer: was ist das Thema der jeweiligen Personen. Wir dürfen nicht von außen ein Label ausdrücken und somit alte durch neue Stereotype besetzen.
Maxim Nohroudi stellt sein Unternehmen als globale Plattform für urbane Mobilität vor. Da in seinem Unternehmen Menschen aus 18 Nationen zusammen kommen ist ihm die Willkommenskultur und soziales und emphatisches Verhalten sehr wichtig.
Dr. Weiffen geht in ihrem Vortrag auf die Facetten der Heterogenität in Demokratien ein. Als Beispiele für Einkommensunterschiede oder eine ungleiche Machtkonzentration führt sie junge und/oder instabile Demokratien in Asien oder Afrika an.

Wenn also Heterogenität auf die Identität, die Interessen und Ideologien basiert, kann und muss von der Politik (positiv) hierauf Einfluss genommen werden.

Verstärker – Netzwerk aktivierende Bildungsarbeit.

Nach soviel Theorie-Input und Diskussion wollte ich nun etwas praktischer werden. Daher besuchte ich den Workshop Empowerment von bildungsbenachteiligten Jugendlichen, in welchem das Netzwerk aktivierende Bildungsarbeit – Verstärker  vorgestellt wurde. Unter diesem Titel organisiert Julia Pfinder und ihr Team eine Qualifizierungsreihe für Mutiplikatorinnen und bietet bundesweit Workshops für politische Bildung mit bildungsbenachteiligten Jugendlichen an. Sie und ihr Kollege Stephan-Jakob Kees stellten das Programm im Rahmen eines Workshops vor. Das übergeordnete Ziel des Angebotes ist es, den Jugendlichen bei der politischen Subjektwerdung zu unterstützen. Hierbei setzen sie bei den Interessen und der Lebenswelt der Jugendlichen an und beziehen diese als Bildungspartnerinnen aktiv mit ein. Im Rahmen des Workshops wurde die Herangehensweise, die Didaktik und Methodik vorgestellt und von den Anwesenden diskutiert.

Fazit.

Der Kongress hat mir für meine weitere Arbeit neue Impulse gegeben und Dinge, die schon länger in mir herum wabern, auf den Punkt gebracht und mit Überschriften versehen. Viele, der angesprochenen Punkte versuche ich bereits in meine Arbeit zu integrieren und umzusetzen. Andere kann ich noch verstärken. Wichtig ist, dass ich in meiner Arbeit nicht nur etwas für bestimmte Zielgruppen anbiete, sondern diese aktiv in die Prozesse einbeziehe. Nur so kann ich aktiv mit ihnen gemeinsam Zukunft gestalten. Lokal und im kleinen etwas verändern, dass nach außen hin und mit vielen anderen lokalen Partner*innenschaften irgendwann global wirkt. Hierbei ist Powersharing ein wichtiges Instrument.

Spannend war übrigens auch, wie Duisburg durch »Das sagt DU!« aktiv in den Kongress eingebunden und Ergebnisse rückgekoppelt wurden.

Ausführliche Infos rings um den Kongress, angefüllt mit Hintergrundinfos, Zusammenfassungen, Interviews und einigen Videomitschnitten findest du übrigens hier. Bring dir etwas Zeit mit, es ist sehr viel Input. Aber es lohnt sich in jeden Fall.

13. Bundeskongress Politische Bildung – Ungleichheiten in der Demokratie #BukoPB15
13. Bundeskongress Politische Bildung – Ungleichheiten in der Demokratie #BukoPB15

Welche Fragen sind bei dir beim Lesen aufgeploppt? Was denkst, wie man die Ungleichheiten in der Demokratie angehen kann? Hast du spannende Tipps zum weiterlesen oder agieren für mich?
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