Im Filmrausch.

Berlinale.

Der Wecker klingelte um sieben. Der Tag würde heut lang & sehr voll werden. Müde rieb ich mir den Schlaf aus den Augen, zog mein Laufdress an. Kurz nach halb lief ich mit Babette los: auf zum Spreeufer, entlang der East Side Gallery und zurück am Postbahnhof, Ostbahnhof sowie am Berghain vorbei.
Dann schnell duschen, lecker Jogurt mit Früchten gegessen & auf zum ersten Film.

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»Pardé«

10:00 Uhr: »Pardé« im Haus der Berliner Festspiele. Der iranische Film beginnt mit einer Innen nach Außen-Sicht durch ein vergittertes Fenster auf den Strand am kaspischen Meer. Ein Auto kommt an, ein Mann mit Gepäck steigt aus & geht’s aufs Haus, aus dem gefilmt wird, zu & schließlich hinein. Die ganze Zeit wird die Kameraposition gehalten & die Zuschauenden beobachten, wie der Reisende alle Ebenen Hintergrund, Mitte, Vordergrund durchschreitet & schließlich die Vorhänge zuzieht. Neue Kameraeinstellung. Der Mann lässt einen Hund frei. Gemeinsam gehen sie nun das ganze Haus ab & er verschließt alle Fenster mit schwarzen Vorhängen. Der Mann arbeitet, wahrscheinlich ist er Schriftsteller. Er baut dem Hund eine Sandtoilette. Als er Nachts hierfür das Streu wechseln will, gelangt ein Paar ins Haus. Sie ist völlig durchnässt, sie wollte sich umbringen. Beide sind auf der Flucht vor der Polizei, da sie an einer verbotenen Party teilgenommen haben. Diese sucht nun die ganze Gegend ab. Der Schriftsteller lässt sie nicht herein, denn auch er ist auf der Flucht, da er einen Beamten angegriffen hat, der ihm seinen Hund wegnehmen wollte. Hunde gelten nach dem islamischen Glauben als besonders unrein. Der Mann verschwindet wieder, die Frau bleibt und taucht von da an immer mal wieder auf. Der Schriftsteller rekonstruiert mit der Filmaufnahme seines Handys noch einmal der Hergang der Situation, wie die beiden ins Haus gelangen konnten. Er kann es sich nicht erklären. Die Tür war zu oder doch offen?
Glas geht zu Bruch, es wird eingebrochen, der Schriftsteller versteckt sich. Anschließend reist die Frau alle Vorhänge von den Fenstern & von den Wänden, Filmplakate kommen zum Vorschein. Ein weiterer Mann taucht aus dem nichts auf & beginnt Ordnung zu schaffen. Es ist der Regisseur – Jafar Panahi – selbst. Ein Nachbar hilft ihm die kaputte Scheibe zu reparieren. Dessen Frau bringt ihm essen. Schriftsteller & der Frau beobachten den Regisseur, überlegen, was dieser wohl vor hat. Der Regisseur tritt er in keine Interaktion mit beiden. Dennoch spricht die Frau via Videobotschaft zu ihm: sie geht ins Meer, taucht nicht mehr auf.
Auch das Video vom Schriftsteller schaut er sich an. Panahi & sein Kamerateam tauchen dabei selbst beim Filmen auf.
Der Schriftsteller reist ab, wartet auf der Straße vor dem Haus.
Panahi schafft Ordnung & verlässt das Haus, schließt ab. Die Frau beachtet er dabei nicht. Sie bleibt zurück im verschlossenen Haus. Sie beobachtet von innen – es ist die gleiche Kameraeinstellung wie zu Beginn des Films – das durchreiten des Regisseurs der verschiedenen Kameraebenen bis zu seinem Auto. Er reist ab. Das Auto verschwindet, der Rückwärtsgang wird eingelegt, es kehrt zurück & der Schriftsteller samt Hund steigen ein.
Jafar Panahi ist im Iran zu sechs Jahren Haft und 20 Jahren Berufsverbot verurteilt, sein Haft wurde ausgesetzt. Im letzten Jahr sollte er als Jury-Mitgleid bei der Berlinale mitwirken. Er durfte nicht reisen. Irgendwie gelang es ihm, diesen Film mit seinem mit Regisseur Kamboziya Partovi, der den Schriftsteller spielt, diesen Film zu produzieren & ihn hier zeigen zu lassen. Das Werk zeigt eindrücklich die innere Zerrissenheit Panahi zwischen aufgeben & weiter wirken.
Ich hatte vorher nicht wirklich viel zum Film gelesen, aber ich konnte dieses Spannungsfeld anhand dieses Hier gezeigten Bildes sehr gut nachvollziehen.
Wahrscheinlich wird der Film aber nie in den großen Kinos anlaufen. Schade.

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»Schlussmacher«, »Das Venedig-Prinzip«

Dann ging es zurück an den Potsdamer Platz und in den »Schlussmacher«. Der lief zwar schon ein paar Minuten, aber da der Film nur für Akkreditierte war, galt die strenge Regel »Nach Filmbeginn kein Einlass.« nicht.
Paul arbeitet erfolgreich bei der Agentur, die hilft Beziehungen zu beenden. Er steht kurz vor der Beförderung. Seine Freundin trennt sich von ihm, da er meine Nähe zulassen kann. Er trifft auf Toto. Seine Freundin trennte dank der Trennungsagentur auch von ihm, da er zu viel Nähe will. Da Toto nicht allein sein kann, unterstützt er Paul bei seinem Job. Eine wilde Reise quer durch Deutschland beginnt – Toto am Steuer, Paul überbringt die Nachrichten. Beide lernen dabei von einander & viel über die Liebe. Ein Happy End gibt es natürlich am Ende auch. Eine nette, kurzweilige Geschichte mit vielen Sympatiepunkten für die Darstellenden.
Im Anschluss bedankten sich noch die Produzenten beim Publikum & Matthias Schweighöfer lässt sich per Telefon live zuschalten um sich zu bedanken.

Dann sitzen bleiben, denn danach lief der Film »Das Venedig-Prinzip«. Ich wollte den Film bereits in Magdeburg sehen, aber hatte leider die Ausstrahlungstermine verpasst. Daher war ich sehr gespannt und wurde nicht enttäuscht. Der Dokumentarfilm beschreibt den Wandel der Stadt Venedig durch den Massentourismus. Es kommen mehr Tagentourist*innen in die Stadt & immer weniger Venezianer*innen können sich die Miete leisten. Der Südtiroler Regisseur lies auch viele Bewohner*innen der Stadt zu Wort kommen.
Eine gelungene Arbeit über eine der schönsten Städte.

»Out in Ost-Berlin – Lesben und Schwule in der DDR«

Anschließend war ein Kinowechsel angesagt. Es ging ins International in der Nähe des Alex. Ich hatte ein Karte für den Film »Out in Ost-Berlin – Lesben und Schwule in der DDR« ergattert & war gespannt auf den Dokumentarfilm. Um 17:00 Uhr ging der glitzernde Vorhang auf & die verschiedenen Protagonist*innen berichteten über ihr Coming Out, ihr Leben mit Lesbisch- bzw. Schwul-sein, ihre Aktionen, Gründung von Vereinen, Protest- & Aktionen für mehr Aufmerksamkeit. Auch ihre Erfahrung mit Verfolgung & Gängelung durch den Staat & die Stasi sprachen sie an. Unterstützt wurden die Berichte durch Fotografien, (propagandistischen) Fernsehbeiträgen der damaligen Zeit & Verortung der Menschen in ihrem jetzigen Alltag.
Im Anschluss kamen fast alle Personen von vor und hinter der Kamera & beantworteten dem Publikum eine Vielzahl von Fragen. Ebenso spannend, wie der Film selbst.
Ich fand den Film sehr informativ, unterhaltsam & würde mich freuen, wenn er noch oft gezeigt wird.

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»Salma«

Ich fuhr zum Cinestar am Potsdamer Platz. Hier hatte ich für den Film »Salma«, ein Porträt über die gleichnamige südindische Poetin & Politikerin, ergattern können. Die Dokumentation erzählte anhand von Interviews mit ihr, ihrer Familie & Freund*innen, Fotografien sowie von Salma zitierten Gedichten den Lebensweg dieser bemerkenswerten Frau. Samla wurde in einem musimischen Dorf im Süden Indiens geboren, verlebte die ersten fünf Jahre bei ihrer acht Jahre älteren Cousine. Mit 13, als sie ihre Periode bekam, wurde sie von ihrer Familie eingesperrt & durfte nicht mehr die Schule besuchen. Die Hochzeit ist längst arrangiert, sie weigert sich, erst als ihre Mutter eine Herzattacke vortäuscht, willigt sie ein. Sie wurde sehr jung verheiratet. Auch die Familie ihres Mannes sperrte sie weg, u.a. weil sie keine Burka tragen wollte. Heimlich notierte sie Gedichte in ein Kleine Büchlein. Als ihr Mann es fand, warf er es weg. Sie fand Zeitungspapier, in das Gemüse eingewickelt war. Sie notierte ihre Zeilen, die so aus hieraus sprudelten auf den Rand des bedruckten Papiers, versteckte die Fetzen zwischen ihren Sáris. Mit Hilfe ihrer Schwester gelingt es ihr, die Gedichte raus zu schmuggeln & einem Verleger zukommen zu lassen. Dieser ist sehr beeindruckt. & veröffentlicht diese. Die Medien werden aufmerksam. Als ein Lokalreporter sie für einen Beitrag ablichtet & das Foto veröffentlicht, hat sie auf einmal eine Stimme. Sie kommt nach 20 Jahren aus ihrem „Gefängnis“ heraus, ihr Mann schlägt sie als Dorfvorsteherin vor. Sie gewinnt die Wahl. Sie wird in die Regierungskommission für Frauen berufen, als ihre Partei bei der nächste Wahl die Mehrheit im Landesparlament von Tamil Nadu erreicht. Sie stärkt nun die Rechte von Frauen, gibt ihnen Kraft & Mut. Aktuell setzt sie sich sehr stark dafür ein, dass ihre Nichte es einmal anders haben wird als sie – dass sie zur Schule gehen kann & nicht verheiratet wird. Sie kämpft dabei nicht gegen ein Dorf oder ihre Familie, sondern die ewige Tradition in den Köpfen den Menschen. Aber ein Aufbruch ist gewagt, eine Veränderung möglich. Am Ende kocht sogar Salmas Vater den Tee – früher undenkbar.
Der Film war sehr bewegend, ehrlich, nichts dramatisierend oder beschönigend. Dazu diese tollen Bilder von Indien – von Kühen, die neben der Straße im Müll nach Essbarem suchen, dem Verkehr, der Herzlichkeit der Menschen, die immer ein Lächeln auf den Lippen haben, auch wenn sie es nicht leicht im Leben haben, den Farben, den Sáris.
Im Anschluss kam – als Überraschung – die Künstlerin selbst auf die Bühne & beantwortete die Fragen der Zuschauenden.
Leider konnte ich nicht bis Schluss der Fragerunde bleiben, da ich den »Nachtzug nach Lissabon« kriegen musste.

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»Nachtzug nach Lissabon«

Auf dem roten Teppich traf ich dann noch Martina Gedeck & Jeremy Irons, … und die vielen anderen Stars, die sich vom Blitzlichtgewitter & den Fans feiern ließen.

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Ich suchte mir im obersten Rang einen Platz & schaute via kleiner Leinwand noch ein wenig dem Treiben auf dem roten Teppich zu, bevor sich endlich der rote Vorhang für die Weltpremiere hob.
Die Verfilmung des gleichnamigen Buchs – Nachtzug nach Lissabon – von Pascal Mercier beschreibt die Reise des Berner Lateinlehrers Raimund Gregorius nach Lissabon. Dieser fand in der Jackentasche einer Frau, die er vorm Selbstmord bewahrte, ein Buch des portugiesischen Dichters & Arztes Amadeu de Prado sowie ein Zugticket für den Nachtzug in die portugiesische Hauptstadt. Er beschließt daraufhin, als über Kopf sein altes Leben zurück zu lassen & sich auf die Spuren des Schriftstellers zu begeben. In Lissabon begibt sich Gregorius auf eine rastlose Suche nach den Protagonist*innen & den Autor selbst. Er will den, im Buch bestellen Fragen nach der Bestimmung des menschlichen Handelns & den ungelebten Möglichkeiten des Lebens. Eingebettet in die Zeit der Salazars Diktatur wächst Amadeu, als Sohn eines Richters, auf & ist hin & her gerissen zwischen Wiederstand gemeinsam mit seinen Freund*innen & dem Schwur, den er als Arzt geleistet hat. So behandelt er den Polizeichef, auch der Schlächter von Lissabon genannt. Amadeu verliebt sich in die schöne Estefania, die Freundin seines besten Freund Jorges und bringt sie nach dem Auffliegen ihrer geheimen Sitzungen außer Landes.
Nach & nach setzt sich für Raimund Gregorius das Puzzel zusammen, welches auch eine Suche nach sich selbst darstellt. Unterstützt wird er hierbei von der bezaubernden, leuchtenden Augenärztin. Der Weg für einen Neuanfang wird geebnet.
Der gut gedrehte Film, der jetzt nicht überragte, aber die Kinosäle füllen wird, erinnerte mich beim Anschauen (ich habe das Buch nicht gelesen) oft an die Spurensuche eingebettet in die Kulisse einer tollen Stadt, aus den Romanen von Carlos Ruiz Zafón. Hier spielt die Geschichte allerdings nicht vor der Kulisse Barcelonas sondern in den Straßen Lissabons.
Die Schauspieler*innen konnten überzeugen & es war für mich ein schöner Abschluss der letzten Tage.

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Am Ende gab es noch Beifall für alle Mitwirkenden, es wurde sich u.a. beim Bürgermeister von Lissabon bedankt (der für den Film extra anreiste).
Ein länger Filmtag ging für mich zu Ende & ich machte mich auf den Heimweg.

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The point is. Ein Sketchbook. Teil des Skechbook-Project 2018.
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