Im Namen des Halbschattes am Wochenende oder Geschichten über die Zeit.

Berlinale.

Heut wieder zu früh erwacht. Na gut, dann eben aufstehen & auf zum Potsdamer Platz bzw. ins Kino. Als ich die morgendliche Warschauer entlang lief, teilte das übernächtigte Partyvolk mit mir den Gehweg. Einige wollten nur noch heim, andere zur nächsten Party wie der Franzose, der eine zeitweise in Deutschland aufwuchs, mittlerweile in Spanien lebt & gerade seinen Bruder in Berlin besucht. Wir unterhielten uns über Partylocations, Berlinale, Filmfestivals, die Anonymität der Großstädte. Er verabschiedete mich ganz französisch mit einen Kuss auf der Wange & den Worten »Wer weiß, man sieht sich immer zweimal im Leben!«
Der stark alkoholisierte Typ, der seinen Platz in der U-Bahn einnahm, lallte im gebrochenen Deutsch »Guten Morgen! Du siehst gut aus!« & versuchte meinen Fuß mit seinem anzustupsen, um mich auf ihn aufmerksam zu machen.
Am Akkreditiertenschalter eine ewige Schlage. Ich reihte mich nicht ein, sondern nahm die Bahn weiter zum Ku-Damm & zum Haus der Berliner Festspiele.

»W imie«

Dort lief der polnische Wettbewerbsfilm »W imie« für welchen ich gestern eine Akkreditierten-Karte ergattern konnte.
Ein katholischer Pfarrer – Adam –, der selbst erst mit 21 zu Gott kam, betreut in einer polnischen Provinz schwer erziehbare, prügelnde junge Männer. Avancen der hübschen Ewa weicht er mit den Worten »Mein Herz ist bereits vergeben« aus. Als der schüchterne Łukasz, Sohn einer Landfamilie auftaucht, kommt Adam ins Wanken. Langsam brechen seine gut versteckten Gefühle zu Männern in ihm auf. Als ein Junge aufgrund eines Missbrauchs durch einen anderen Jungen der Projekt sich erhängt, eskaliert die Situation & Adam ist verzweifelter den je. Er will seine Sexualität ausleben dürfen und da seine ausgedehnten Joggingtouren als Gebet an Gott nicht mehr helfen, betäubt sie mit Alkohol. Er wird in eine andere Provinz versetzt. Łukasz folgt ihm. Eine kurze Phase des Glücks sei ihnen vergönnt.
Die innere Zerrissenheit, das Tabu, das Unterdrücken von Gefühlen ist eingebettet malerische Landschaft & gleichzeitig Tristesse der Dorfidylle. Eine gelungene Komposition, bei der sich das Innere sehr gut in der Umgebung und in den Personen, die ihn umgeben widerspiegelt.
Der Film endet mit der Szene: man sieht viele Priester in der Ausbildung. Eine Gruppe Priesterschüler unterhält sich. Der Junge, der der Kamera den Rücken zugewandt hat, wendet den Blick & schaut direkt in die Kamera. Es ist Łukasz.
Kurz vor dieser letzten Einstellung dachte ich, hier wird der Blick zu weit in eine versöhnliche Zukunft gewagt. Der direkte Blick ins Kameraobjektiv von Łukasz stört mich zwar, doch nun es wieder offen, ob die Liebe der beiden eine Chance hat, die Spirale der unterdrückten sexuellen Orientierung in der katholischen Kirche weiter geht, welche Wege die beiden Männer einschlagen werden.

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»Das Wochenende«

Dann zurück zum Potsdamer Platz. Dort schaute ich den Film »Das Wochenende« nach einer Romanvorlage von Bernhard Schlink. Jens Kessler, RAF-Terrorist wird nach 18 Jahren aus der Haft entlassen. Seine Schwester holt ihn ab & fährt mit ihm ins Wochenendhaus. Sie hat ein paar Freund*innen von damals eingeladen. Unter anderem die damalige Geliebte von Kessler, aus deren Verbindung ein Sohn hervor gegangen ist. Aus der anfänglichen Wiedersehensfreude bricht sehr bald verdrängter Schmerz, Anklagen, Unausgesprochenes auf. Für was hat man damals gekämpft, wofür stehen die Protagonist*innen heute.
Ein Film der einen Blick zurück wirft auf Lebensentwürfe & wie diese sich zu etwas, wohlmöglich ganz anderem, entwickelt haben. Ein Inne halten und das Hinterfragen von einst gesetzten Ziele. Zeit die vergeht.
Anschließend gab es noch ein Gespräch mit der Regisseurin & ihrem Team zum Film.

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Dann noch eine Karte für Babette besorgt: »Gold«. Inzwischen traf Christian ein. Wir fuhren zum Kotti & aßen lecker Persisch im Safran. Dort stieß Andra zu uns. Wir verlebten einen schönen Nachmittag & am Ende kauften wir uns Glitzer-Eyeliner.

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»Halbschatten«

Kurz vor sechs traf ich im Delphi auf Jacqueline. Zusammen sahen wir den Film »Halbschatten«. Wiederum ein Film über Zeit. Dieses Mal war das Hauptthema das Warten und der Umgang damit. Das Warten auf den Liebhaber, der mit unbekannten Ziel verreist ist, das Arrangieren mit dessen Kindern, das warten auf den verloren gegangen Schreibfluss an dem eigenen Buch. Wie arrangiert man sich mit einer Situation, in die man nicht eingeführt wird, sondern die einfach da ist & in welche man als Fremdkörper dazu stößt.
Merle, die Protagonist, die ihren Freund im seinem Ferienhaus in Frankreich besuchen will, wählt den Weg, sich anzupassen, den Kindern zu gefallen. Doch sie bleibt stecken & wählt am Ende den Weg des Verschwindens.
Im Anschluss gab es noch ein Gespräch mit Regisseur & der Hauptdarstellerin.

Ich brach zum SO36 auf, wo ich auf Torsten, Karin, Jürgen, Anja & Stulle, mit denen ich gemeinsam ein Ska-Konzert besucht: »Banda Bassotti / Boikot / Erode / Banda Rude« … Schöne tanzbare Musik.
Doch nach vier Stunden tanzen & stehen war ich k.o. Reicht ja auch für einen Tag.
Babette hatte mir die Couch bereitet & ich kuschelte mich schnell unter die weiche Bettdecke.

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