Stadtbummel im alten Cochin & Dämonen auf der Bühne.

Stadtbummel im alten Cochin & Dämonen auf der Bühne.

Wo sind denn die Messer? Achja, nen Teelöffel brauchen wir auch noch zum Tee. So ließen wir uns das Frühstück schmecken. Ein letztes Mal verschiedene warme Masala-Gerichte und frischen Obstsalat. Noch ein wenig relaxen auf dem Zimmer und dann trafen wir unseren Fahrer gegen halb zwölf unten am Auto.
Stadtbummel im alten Cochin & Dämonen auf der Bühne.
Wir fuhren wieder eine kleine Ewigkeit Richtung Innenstadt. Auf der Brücke zur vorgelegten Altstadt sammelten wir Chris Joseph – unseren heutigen Stadtführer – ein. Und er sprach deutsch. Wie ungewohnt für uns. Er hat deutsch vor acht Jahren am Goethe-Institut in Mumbai gelernt.
Er gab uns erst ein paar allgemeine Infos zu Indien und Kerala und schließlich zu Cochin. Die vorgelagerte Insel, auf der sich die alte Stadt befindet wurde künstlich von den Engländern geschaffen. Außerdem bildet die dem Ozean nachgelagerten Wasserflächen den nördlichen Teil der Backwaters.
Zunächst liefen wir im Fort Cochin umher, einem Viertel, welches von den holländischen Händlern gegründet wurde. Man sah noch einige alte Gebäude. Auch einen alten holländischen Friedhof aus dem 18. Jahrhundert gab es hier.
Stadtbummel im alten Cochin & Dämonen auf der Bühne.
Stadtbummel im alten Cochin & Dämonen auf der Bühne.
Entlang der Hafeneinfahrt sahen wir die chinesischen Fischernetze. Mindestens vier Personen sind nötig, die Netze mithilfe von Zugschüren und den daran befestigten Gewichten zu bewegen. Aber bis auf ein wenig Plastik & Tourist_innen fingen sie nichts. Frischen Fisch gab es aber entlang des kleinen Boulevards dennoch zu kaufen. Auch Eis und kleine gegrillte Snacks wurden von den Händlern angeboten.
Dann ging es in die St. Francis Church. Es ist die erste, von europäischen Menschen erbaute Kirche in Indien. Das Alter wird auf Anfang des 16. Jahrhunderts terminiert. Vasco da Gama wurde hier beerdigt. Aber das Grab ist leer, denn sein Leichnam wurde später nach Portugal überführt. 1663 wurde die Kirche unter den Holländer_innen protestantisch. Später, im Jahr 1795 unter den Brit_innen anglikanisch. Dies spiegelt sich in den Grabinnenschriften rechts und links an den Wänden wieder.
Wir verweilten ein wenig in der Kirche. Über uns die Ventilatoren – lange Stoffbahnen, die mit einem Strick per Hand betrieben werden konnten. Unser Stadtführer erzählte und die Geschichte des Hinduismus, der vier Veden und warum Ganesha so große Ohren und so einen beweglichen Rüssel hat.
Stadtbummel im alten Cochin & Dämonen auf der Bühne.
Wir fuhren nach Mattancherry – ein Markt-Viertel, welches früher von Juden- und Jain-Händler_innen bestimmt war. Nun gibt es noch sieben jüdische Menschen in Cochin. Fast alle jenseits der 60. Auf dem entsprechenden Friedhof wird wohl nur noch sieben mal ein Grab geöffnet werden, dann gibt es hier keine mehr. Die jüngste der hier noch lebenden orthodoxen Jüd_innen riss die Karten für die Synagoge ab, die wir betraten. Der Boden mit blau-weißen, handbemalten Kacheln aus Kanton ausgelegt. An der Decke viele schöne Glasleuchter – durchsichtig oder in bunten Farben. Im Thoraschrein vier Thorarollen in Kästen aus Silber und Gold, auf denen goldene Kronen ruhen. Dies war ein Geschenk des Maharadschas von Travancore und Cochin, als Zeichen der guten Beziehungen zwischen ihm und der jüdischen Gemeinde.
Stadtbummel im alten Cochin & Dämonen auf der Bühne.
Wir gingen in einen Laden, der von Frauen geführt wurde. Dort gab es viele unterschiedliche Dinge zu kaufen: Saris, Schals, Salwar Kamees, Gewürze, kleine Figuren aus Holz oder Metal, Schmuck, Tischdecken, Malereien, und und und. Außerdem konnte man zusehen, wie an einem großen Webstuhl die Keralasaris hergestellt werden – 8 bis 10 Tage dauert das. Wir kauften ein paar Dinge: Beli ein Paar Armreifen, ein Lesezeichen und ein paar kandierte Ingwerstücke. Ich auch einen Armreifen für Laura (Auftrag von Ferkel) und eine Ganesha-Figur (auch Auftrag von Ferkel).
In einem Antiquitätenladen erwarben wir weitere Ganesha-Figuren. Während in dem Frauen-Projektladen die Preise feststanden, konnte ich nun endlich mal meine Feilschen-Kenntnisse ausprobieren. Meist schaffte ich es, den Preis um die Hälfte zu drücken. Doch ganz ordentlich für den Anfang. Beli war nicht ganz so nachdrücklich, aber ein wenig konnte auch sie den Preis drücken.

Dann gingen wir zum Mattancherry Palace. Von außen nicht sonderlich beeindruckend, waren wir innen von den aufwendigen Wandmalereien beeindruckt, die Szenen der hinduistischen Gottheit-Geschichte erzählten. In anderen Räumen waren Krönungsroben und Sänften der Maharadschas ausgestellt. Auch die Entwicklung der keralischen Kleidung ließ sich hier nachvollziehen.

Nun weiter zur Kathakali-Vorstellung. Vorher noch ein letzter Mangolassi – tat das gut, nach der schweißtreibenden Hitze draußen, und dann sahen wir zuerst dem aufwendigen Schminkprozess der Tänzer zu, bevor die eigentliche Show begann. Mit viel Fingerspitzengefühl, einem kleinen Holzstäbchen, etwas Farbe und Wasser verwandelten sich so die beiden Personen in die Charaktere. Zunächst wurde von zwei Tänzerinnen ein Begrüßungstanz vorgeführt, dann ein weiterer von einer einzelnen Tänzerin.
Den Höhepunkt bildeten schließlich die zwei Kathakali-Tänzer, die das pacha (grün – rein), meist einen edlen Menschen oder Gott und rajas (rot – Leidenschaft und Aggression) verkörperten.

Neben den geschminkten Gesichtern hatten die die Tänzer aufwendige Kostüme an: ausgestellte, in Falten gelegte Röcke, viele Ketten und eine hohe Goldkrone auf dem Kopf – dies ist mittlerweile das Markenzeichen Keralas geworden. Die beiden führten einen Auszug aus den hinduistischen Epen Mahabharatam, Ranayaba und Bhagavata Purana auf. Begleitet wurden sie von drei Musikeren. Einer sang und bewegte Becken aus Bronzemetall. Ein weiterer spielte eine Trommel mit leicht gebogenen Stöcken und ein weiterer spielte eine Handtrommel. Die drei hatten die Darsteller genau im Blick und verstärkten jede Geste mit ihren Instrumenten, denn außer ein paar Schreie gaben die beiden Tänzer keine Geräusche von sich. Es war faszinierend. Noch ein Foto mit dem Kathakali-Darsteller und zurück ins Hotel. Über eineinhalb Stunden brauchten wir. Auf dem Weg sind wir Zeugen geworden, wie beinahe ein Mann von einer Mango erschlagen wurde, ansonsten Stau, Stau, Stau…

Wir nahmen eine letzte Dusche, tauschten unsere Urlaubskleidung in die Reisekleidung ein, bestellten uns ein letztes keralisches Essen und Masala-Chai aufs Zimmer und genossen beides. Gegen elf mussten wir das Zimmer schließlich verlassen und lümmelten uns im Anschluss die verbleibenden drei Stunden bis zur Fahrt zum Flughafen auf den Couchen in der Hotellobby – schreibend oder lesend.

Kurz nach zwei Abfahrt zum Flughafen. Schlange stehen. Gepäck aufgeben & Bordkarte sichern. Schlange stehen. Passkontrolle. Noch mal Kontrolle. Und noch einmal. Handgepäckkontrolle & Bodycheck. Duty Free-Bereich. Wir trinken einen letzten Chai. Dann geht es an Bord. Noch einmal Pass- & Ticketkontrolle & ein paar Meter noch einmal & sicherheitshalber wenig später noch einmal.
Stadtbummel im alten Cochin & Dämonen auf der Bühne.
Ich opferte Beli meinen Fensterplatz & dann hoben wir auch schon ab. Während Beli wenig später tief und fest schlummerte, versuchte ich mich mit ein wenig Musik von meinem rechten, schnarchenden Nachbarn abzuschirmen.
Kurz vor sieben (inkl. Zeitumstellung) waren wir in Abu Dhabi. Mal wieder Pass- & Handgepäckkontrolle und auf zum Gate 53.
Dort sichereren wir uns im Ruhebereich eine Liege, chillten ein wenig. Da wurde zu einem Flug nach Bangkok aufgerufen. Ferkel stupste mich an & zwinkerte mir zu: »na sollen wir.« Hachja, Lust einfach weiter zu reisen hätt ich. Aber nein. Ein anderes Mal.
Im Flieger sah ich Her, Invisible Woman und Philomena. Drei tolle Filme. Ich war jedes Mal ein wenig zu Tränen gerührt. Und zwei tolle Sätze aus Her sind auch hängen geblieben:

»Vergangenheit sind die Geschichten, die wir uns selbst erzählen.«

»Keine_r ist der_die selbe, der sie_er noch vor einem Moment war.«

Gegen zwei erreichten wir Frankfurt Flughafen. Nun aber schnell. Ein letztes Mal Passkontrolle, gefühlt unendlich langes Warten auf das Gepäck, dieses aufgehievt und schnell zum Bahnhof. Busshuttle und dann rannte ich einfach schon mal vor. Zur Not würde ich den Zug schon an der Weiterfahrt hindern. Geschafft. 14:43 Uhr. Wir sitzen im Zug Richtung Heimat.
Welcome back. Die Sonne scheint.

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4 Comments

  • Ohhh! Du hast ja im Vorbeifahren die Plakate geknipst. Sehr gut, danke! 🙂

    Und zur Mango: Ein Mann ging nichts ahnend unter einem hohen Mangobaum direkt neben der Straße entlang. Plötzlich stürzte sich eine schwere und sehr aerodynamische Mango aus dem Baum heraus seinem Kopf entgegen. Der Mann hatte Glück und die Mango traf direkt hinter ihm den Boden. Er drehte sich mit verwundertem und unbezahlbarem Blick zurück und sah den Übeltäter auf dem Boden liegen. Die Mango hingegen tat, als wäre nichts gewesen und lag einfach unschuldig herum. 😉

  • Ach Schön, dass ihr wieder wohl behalten angekommen seid. Bei solchen weiten Reisen kann ja allerhand geschehen. Im schlimmsten Fall wird Ferkel von einer Mango erschlagen 😮 wie das geht? Kann ich mir gar nicht vorstellen. Aber ihr berichtet dann ja. Also von dem Mann 😉

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