Stadtbummelgespräche.

Stadtbummelgespräche
Stadtbummelgespräche

Lauten Schrabsen über unseren Köpfen. Wie Kreide auf Tafel – nur potenziert. Dies war heut morgen gegen sieben das Geräusch, welches uns weckte. Die ersten Menschen nahmen auf der Dachterrasse über uns ihr Frühstück ein und schoben die Metallstühle über den blanken Beton. Dazu setzten dann noch betende Geräusche in der Nachbarschaft ein.
Heute morgen gab es ein leicht, durch Dachterassenrestaurantpersonal, verpeiltes Frühstück. So bestellten wir eigentlich wahlweise einen Pott Tee oder Kaffee, bekamen aber nur Tassen ausgeschenkt, Torten bestellte ein indisches Frühstück, ich nur Porridge mit Bananen. Als sich Torsten auch noch eins bestellen wollte, meinte der Kellner, das der Haferschleim beim indischen Frühstück dabei sein, kam dann aber nicht. So bestellte Torsten doch eine Portion. Da kam ein anderer an, der uns noch weniger verstand als der Erste. Doch wir blieben ruhig, da wir uns einfach mal wieder die indischen Bildungschancen vor Augen führten. In Indien müssen die Eltern eine Art Schulgeld für ihre Kinder zahlen, das in etwa bei RS 3000 liegt, was hier natürlich nicht wenig Geld ist. Da überlegt man sich als Elternteil schon, wen man zur Schule schickt und für wie lange.

Dann schlenderten wir in die Stadt. Wir wollten zunächst die Havelis bestaunen, doch mussten wir erst einmal auf der Landkarte verorten. Dies schafften wir dann auch und so sahen wir auch ein paar schöne Haveli-Fassaden. In den engen Gassen der Neustadt gab es auch unzählige Shops, die uns ihre Waren anboten. Wir fragten uns immer wieder, wer das alles kaufen soll. Torsten erstand ein Lederhandtasche für seine Tochter und wir anschließend noch ein paar Holzbuddha-Figuren. Beim Falschen mit dem Holzschnitzarbeitenverkäufer kam Torsten mit diesem ins Gespräch: der Mann erzählte uns, das er aus der Kaste der Bramanen kommt und daher seine Familie nicht schon immer Verkäufer waren. Aber Zeiten ändern sich, so müsste die Familie, neben dem Beten und aus der Handlesen, nun einen anderen Zweig zum Geld verdienen suchen. Weil er uns so sympathisch fand, sagte er uns noch, dass er bei Torsten spüre, dass er ein sehr ausgeglichener, friedfertiger Charakter sei und bei mir sah er, dass ich vor einigen Jahren eine Zeitlang viel Stress hatten und deshalb nicht ganz so entspannt und voller Lebensfreude sei. Aha.

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Übrigens gibt es hier sogar einen Bangshop, in dem man sich Bang-Lassi oder auch Cookies bestellen kann. Naja, warum nicht. Die Preise sind staatlich reglementiert.
Dann gingen wir wieder in die Altstadt, ins Fort. Wir suchten eine nette Dachterrasse mit Schatten. Nach einigen Nieten, einem Zwischenstopp bei einem Frisch-Saftverkäufter (ich musste mir gleich noch einen zweiten Saft holen) fanden wir dann eine nette Terrasse, auf der wir uns Tee, Kaffee und einen kleinen Snack schmecken ließen.
Dann wieder rein ins Getümmel. Wir kamen an einigen Tempeln vorbei, die eng in das Gassengewirr verwoben waren. Leider hatten die Tempel gerade geschlossen. Viele Händler boten uns ihre Waren feil. Während wir gerade so herum liefen, sprach uns eine Frau an, sie hätte schöne Bindis. Sie fertige auch Hena-Malereien an. Da sie mir sympathisch war und der Preis stimmte, lies ich mir die Innenseite der rechten Hand bemalen. Dabei bewunderte sie und wahrscheinlich eine ihrer (eingeheiratenen) Töchter, die neben ihr im Hausflur saß und ab und an ein Baby in ihren Armen wiegte, meinen Ohrschmuck und meine Augen. Mit ein paar Englischvokabeln gaben sie mir zu verstehen, dass ich ein hübsches Gesicht hab. Da muss ich ja aufpassen, dass ich nicht rot werde im Gesicht. Nach 15/20 Minuten war das Ornament auf meiner Hand verewigt und nun nur noch eine Stunde warten und ich kann die Hena-Paste abrubbeln für ein schöne Handmalerei. Wie gefällt sie euch?!

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Als wir weiter gingen, sprach mich eine Frau im grünen Sári an und bot mir ihre Decken und Wandteppichen an. Ungewöhnlich, dass mal eine Frau verkaufte. Sie stellt sich als Bobby vor und erklärte mir dann auch sogleich warum: in Indien, vor allem in ländlichen Gebieten verkaufen meist die Männer und die Frauen sind daheim, gebären Kinder und kümmern sich um den Haushalt. Verheirate Frauen erkennt man einem roten Strich am Haaransatz an der Stirnmitte. Meist tragen sie dazu einen Nasenring. (Muslimische Frauen tragen hier eine Art Tellernasenring.) Wenn der Mann stirbt, nehmen sie den Nasenring heraus und das Zeichen an der Stirn wird weggewischt. Meist werden die Frauen dann auch aus der Familie, in der sie bis dahin gelebt haben, verbannt. Denn ohne den geliebten Sohn spielt die angeheiratete Schwiegertochter keine Rolle mehr und bedeutet nur eine weitere Person, um die man sich kümmern muss. Meist werden auch nur die Jungen in die Schule geschickt.
Die Verkäuferin in diesem Laden setzt sich mit ihrem Laden und mit dem Projekt Belissima, bei dem sie tätig ist, dafür ein, dass Frauen vermehrt eine Schulbildung erhalten und ähnliche Chancen wie Männer bekommen.
Die Produkte, die hier angeboten werden, sind größtenteils von Frauen produziert. Es ist ein nettes Gespräch und am Ende kaufen wir zwei kleine Decken – eine für Torsten, eine für mich. Dem kleinen Kind schenken wir noch einen kleinen Mitbringselteddy. Da ist aber die Freude groß. Gleich muss sie es ihren Freund*innen zeigen.
Hier gibt es noch einen kleinen Hörbeitrag von Deutschlandradio Kultur zu Bobby Laden, Arbeit und ihrem Einsatz für die Frauen.
Dann treten wir langsam den Heimweg an. Aber vorher will sich Torsten noch beim Barbier die Haare schneiden lassen. Für RS 80 bekommt er dann nen neuen Schnitt – der Nacken und Haaransatz wir natürlich mit einem richtigen, alten Rasiermesser ausrasiert. Für nochmal RS 120 noch ne Gesichtsmassage obendrauf. Der Barbier schmiert Torsten hierfür rosa Paste ins Gesicht und lockert dann alles mit seinen Händen. Dann holt er noch ein Massiermaschine, mit der Torstens Gesicht schön gelockert wird. Es sieht ein bissel rabiat aus, was auch Torsten im Anschluss bestätigt. Noch ein paar Spritzer kaltes Wasser aus der Sprühflasche ins Gesicht und dann ist er nach zehn Minuten fertig. Mit dem schmierigen Handtuch wird dann der Rest der Paste aus dem Gesicht entfernt. Lecker.
Der Barbier wollte mir dann auch noch ne Massage anbieten, aber wir hatten ein wenig Zeitdruck (Gott sei Dank), sodass wir das Angebot leider ausschlagen mussten.
Nun schnell zurück ins Hotel, wovor Albert schon auf uns wartete, die heutige Beute im Zimmer verstauen und dann ging es auch schon weiter.

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Albert brachte uns über eine sehr ewig lange Straße (zumindest kam sie uns in der Abendsonne und weil sie so gerade war so vor) zu einem Tempel. Wir waren nun fast vollends in der Wüste. Überall nur goldgelber Sand, Geröll und ab und an grünes Gestrüpp. Als wir vorm Tempel auf den Parkplatz fuhren, kam eine Horde Jungen mit Pfauenfedern in der Händen auf uns zugestürmt. Hilfe, hier wollen wir nicht aussteigen. Zum Glück sprach Albert ein indisches Machtwort und die Jungen hielten deinen passenden Abstand zu uns ein. Der Jaintempel Lodruva war auch aus goldgelben Sandstein und hatte die gleichen Ornamente wie die Havelis. Albert erzählte uns auch, dass hier zwei Cobras leben würden. Es gibt hier einen Wunschbaum.
Danach ging es zum Sunsetpoint. Die Szenerie hier kam uns ein wenig surreal vor: wir mussten RS 100 bezahlen, dann mussten wir noch ein wenig laufen, links von uns ein paar Pavillons: die Totengedenkstätten Bada Bagh. Vor uns die Festung Jaisalmer, und rechts einige in Reihen aufgestellte Bänke. Erst setzen wir uns auf eine Bank. Aber es wurde schnell voller. Wir setzten uns ein wenig Abseits an einer Mauer auf ein paar Seite. Es wurde immer voller und voller. Es schien uns, dass hier immer neue Busladungen mit hellhäutigen Tourist_innen angekarrt wurden. Die meisten alt, italienisch/französisch sprechend und schlecht angezogen. Wir wollten am Liebsten sofort weg. Das waren uns einfach ein paar Tourist*innen zuviel. Wir blieben dann doch, bis die Sonne feuerrot im Wüstenmeer versank und ließen uns von Albert zurück ins Hotel fahren.
Dort ließen wir uns noch einen kleinen Abendsnack schmecken. Natürlich verlief die Bestellung nicht ohne Verständigungsprobleme.

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Weitere tolle Fotos gibt es hier:

 

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