Zeitdokumente.

Nach dem gemeinsamen Frühstück mit Babette begab ich mich wieder auf den Weg zum Potsdamer Platz. Nachdem ich den Plan für die Karten studiert hatte, die es morgen für Akkreditierte gab, bekam ich für vier Filme Tickets.
Bis zum ersten Film hatte ich nun noch Zeit. Ich setzte mich an die dortigen Sitzgruppen, schrieb an meinem Blogeintrag für den 11.02.2014 und checkte meine Emails. Um mich herum saßen einige etliche Menschen, die das Berlinale-Programm studierten, sich über Filme unterhielten oder auf ihren Laptop-/Mac-Book-Tastaturen herum tippten.
Zu um 12.00 Uhr wechselte ich den Ort und begab mich zum Cinestar. Hier lief der Film Finding Vivian Maier von John Maloof. Gestern erlebte ich den Regisseur ja bereits im Interview mit Knut Elstermann.
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John Maloof geht liebend gern auf Zwangsversteigerungen für private Nachlässe. Dort ersteht er einen Kartons mit Negativen. Er scannt diese ein und macht eine erstaunliche Entdeckung: Momentaufnahmen des Chicagoer Straßenlebens die in der Tradition von Diane Arbus oder Robert Frank stehen. Auffällig ist auch, dass sehr viele Kinder auf den Aufnahmen zu sehen sind, im Spiel versunken oder die Augenkontakt zur Person hinter der Kamera suchen. Maloof ist begeistert. Er begibt sich auf die Suche. Auf google kann er zunächst keinen Eintrag über sie finden. Nichts. Er teilt die Fotos über das Fotoportal Flickr und erhält begeisterte Rückmeldungen. Er recherchiert weiter, macht die Inhaberinnen der anderen Boxen und kauft sie diesen ab. Er findet ihren Nachlass mit weiteren Negativen und unentwickelten Filmrollen. Auch Kleidungsstücke, Zeitungsartikel, Briefe und Rechnungen findet er. Er macht Familien ausfindig, bei denen Vivian Maier als Kindermädchen arbeitete. Sie beschreiben die Nanny als zurückgezogene Frau, die weite Männerhemden und stets ihre Kamera um den Hals bei sich hatte. Er fragt Fotografinnen, was sie von diesen Bilder halten. Diese sind von ihrem Talent überzeugt. Maloof kann Galerien für die Ausstellung der Fotografien begeistern. Die Besucher*innen sind sehr angetan. Wer ist diese selbstbewusste Frau? Nach und nach setzt sich so das Lebenspuzzle der unentdeckten Fotografin zusammen, bei welchem am Ende Teile fehlen werden. Auch wenn Vivian Maier 2009 mit 83 Jahren starb, bleibt ihren faszinierenden Aufnahmen, die einen tiefen Einblick in die sie umgebene Gesellschaft bieten.
Begeistert verließ ich das Kino. Ich hoffe, Museen interessieren sich bald stärker für das Werk der Fotografin. Und vielleicht gibt es ihre Bücher auch bald in Deutschland zu kaufen (oder ich wünsch mir eine zum Geburtstag :-)). Hier die Internetseite zu Vivian Maier.

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Weiter ging es zum Colloseum auf der Schönhausener. Hier sah ich Der Kreis von dem Regisseur Stefan Haupt.
Anfang der vierziger Jahre wird in Zürich die Zeitschrift „Der Kreis“ herausgegeben. Darum gruppiert sich ein Netzwerk aus Schwulen. Diese Organisation überlebt als einzige das Naziregime. In der Nachkriegszeit erblüht hier ein international bekannter und geachteter Untergrund-Club. Auf den legendären Maskenbällen kommen über 800 Gäste aus Europa und teilweise sogar aus den USA zu diesen Events. Hier trifft 1956 der schüchterne Ernst Ostertag auf den Travestie-Star Röbi Rapp. Ernst sucht die Nähe zu Röbi. Schließlich kommen sie zusammen. Während Röbi sich für die gemeinsame Liebe einsetzt, versucht Ernst darüber hinaus sich nach und nach für die Normalität seines Schwulseins einzusetzen, ohne dabei seinen Job als Lehrer zu gefährden. Es kommt zu einem Mord im »Schwulenmilieu«, welcher dazu führt, dass die Polizei gewaltsam gegen die Schwulen und den Kreis vorgeht.
Interviews der beiden Protagonisten sowie Fotografien und einigen wenigen Filmaufnahmen erweitern die Inszenierung dieser Zeit. So ergibt sich nach und nach ein umfassendes Zeitdokument.
Diese wunderbare Liebesgeschichte, die erst in den letzten Jahren durch eine Heirat auch amtlich besiegelt werden konnte, öffnete mein Herz. Dieser Mut der beiden und ein Einblick in die Homosexuelle Szene der Schweiz begeistere mich. Als ich das Kino verließ, hörte ich von vielen anderen, dass auch sie der Film sie begeisterte und sie gar nicht wussten, »wie das damals war in Zürich und der Schweiz«.

Dann ging es zurück in die Warschauer Straße. Gemeinsames Kochen und Abendessen mit Babette und im Anschluss ein wenig Relaxen auf der Couch.

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