Wrocław | Breslau. Stippvisite und eine kleine Mission.

Wrocław | Breslau.

Stippvisite und eine kleine Mission.

Wrocław, den deutschsprachigen Menschen unter uns sicher eher unter dem Namen Breslau bekannt, ist in diesem Jahr – 2016 – Kulturhauptstadt. Sie ist somit die erste polnische Stadt, die diesen Titel trägt.

Im Jahr 1985 hat die damalige griechische Kulturministerin Melina Mercouri die Idee und das Konzept der Kulturhauptstadt – einem der wichtigsten Programme der Europäischen Union – angeregt. Ziel des Titels ist das gegenseitige Kennenlernen und die Annäherung sowie der interkulturelle Dialog (nicht nur) der Europäer*innen. Und es funktioniert: ein Jahr kommt den jeweiligen europäischen Städten eine große Aufmerksamkeit aus ganz Europa zu. 

Wie bereits eingangs angedeutet, ist die diesjährige Kulturhauptstadt – neben Sant Sebastian in Spanien, im Baskenland – eine Stadt mit einer ganz besonderen Geschichte. Wrocław arbeitet seit 70  Jahren an einer neuen Identität. Seit 1945 hat sich die Stadt neu erschaffen und entwickelt sich seitdem zu einer besonderen Stadt der Begegnung, ohne das eigene multikulturelle Kulturerbe außer Acht zu lassen. Wrocław ist eine moderne, Stadt und eine hippe dazu. Sie ist ein Ort der Begegnung.

 

Auf, auf, ins bunte Treiben.

Anfang Mai verbrachte ich eine Woche in dieser einzigartigen Metropole, der drittgrößten Stadt Polens. Von meinem Hostel-Zimmer konnte ich jeden Morgen auf den Marktplatz und dem alten Rathaus schauen. Unten das emsige Treiben, das Stimmengewirr, die Straßenmusiker*innen und darüber die altehrwürdigen roten Backsteinmauern. Besuchenenden-Gruppen jeden Alters versammelten sich dort an der Pest-Säule und erhielten in den unterschiedlichsten Sprachen Informationen über den Platz, über Breslau.
Ich verließ das Zimmer, hüpfte die Stufen im Treppenhaus hinunter und schwups war ich Teil des Geschehens.

 

Ich spazierte durch die Innenstadt, vorbei an alt wirkenden Häuserfassaden. Vieles wurde wieder aufgebaut nach dem zweiten Weltkrieg und den Originalen angeglichen. Kaum zu glauben, wenn mensch bedenkt, dass 70 bis 80 Prozent der Stadt während des Krieges zerstört wurden und nach Mai 1945 plötzlich Menschen aus und in diese Stadt (zwangs-)umgesiedelt wurden. Ich machte einen kleinen Zwischenstopp in der Markthalle und kaufte ein wenig Obst ein.

 

Ich lief weiter. Vorbei an einem kleinem Zwerg, der in der Oder seine Wäsche wusch und weiter über eine blaue, schmiedeeisere Brücke, die mit unzähligen Schlössern behängt war und weiter zur Dominsel (die heute gar keine mehr ist, nachdem ein kleiner Seitenarm der Oder zugeschüttet wurde). Hier hat mensch – gerade nachts – das Gefühl in die Zeit von damals versetzt zu werden. Die nach dem Krieg wiederaufgebaute, gotische Kirche Johannes des Täufers (Breslauer Dom), die Kirche des Heiligen Kreuzes oder auch das älteste Museum Wrocławs, das Erzdiözese Museum sind schon sehr beeindruckend. Und nachts werden die mit Gas funktionierenden Straßenlaternen vom Laternenanzünder entzündet.

 

Ich ging zum Viertel der vier Religionen. Hier fand ich auf engstem Raum die orthodoxe Kathedrale der Geburt der Hl. Gottesmutter Maria, die Synagoge zum Weißen Storch, Evangelisch-augsburgische Kirche der Göttlichen Vorsehung und die katholische Kirche. Und irgendwann stand ich in einer Gasse, in der neben Streetart überall an den Hausfassaden alte Leuchtreklame montiert war. Diese waren alle funktionstüchtig und machten so selbst die Nacht bunt. Gleich um die Ecke das vegane Restaurant Ahimsa und nicht weit davon entfernt die Kneipenmeile von Wrocław.

 

Ich entdeckte die Woche über noch weitere tolle Cafés, Kneipen und (vegane) Restaurants. Einige davon möchte ich dir hier direkt ans Herz legen:

  • VEGA (100% vegan) >> leckeres veganes Mittagsangebot direkt auf dem Marktpaltz
  • Motyla Noga >> im ehemaligen Gefängnis ist eine gemütliche Kneipe einzogen. Ich empfehle hier den Cider, denn wie die wie viele Pol*innen zu sagen pflegen »A apple a day, keeps Putin away.« Fish&Chips sind hier auch zu empfehlen, für die, die es mögen.
  • Green Way Food for Life >> noch so ein leckeres Restaurant mit veganen Gerichten.
  • Piec Na Szewskiej >> schmackhafte Pizzen und Pasta – viele auch vegetarisch und vegan. Hier darfst du nicht zu spät kommen, sonst ist der Teig bereits alle.
  • Cafe Konspira >> polnische und europäische Speisen und dazu noch ein wenig polnische Geschichte. Das Menu wird in einer Zeitung inklusive einiger geschichtlicher Fakten präsentiert. Im Restaurant gibt es viele historische Bilder und Gegenstände. Es ist liebevoll gestaltet. Bei sommerlichen Temperaturen lädt auch der Biergarten zum Verweilen ein.
  • Stara Paczkarnia >> Die älteste Bäckerei der Stadt. Die Krapfen musst du probieren. Ein Traum.
  • … Leckeres Eis … an fast jeder Straßenecke! Besonderes Highlight: Karotten-Ingwer-Eis im Skytower.
Leckeres Essen in Wroclaw: ganz links oben: das Ahimsa; direkt darunter: VEGA (100% vegan); ganz unten links: Piec Na Szewskiej, daneben das leckere Essen im Ahimsa und Eis; oben Mitte: Ferkel und ein Zwerg beim Eis-Klau; oben rechts: Stara Paczkarnia; unten Mitte: das Cafe Konspira mit schmackhaften Cider zum Essen; ganz links unten: Motyla Noga in den ehemaligen Gefängnismauern und davor der Zwerg hinter Gittern.
Leckeres Essen in Wroclaw: ganz links oben: das Ahimsa; direkt darunter: VEGA (100% vegan); ganz unten links: Piec Na Szewskiej, daneben das leckere Essen im Ahimsa und Eis; oben Mitte: Ferkel und ein Zwerg beim Eis-Klau; oben rechts: Stara Paczkarnia; unten Mitte: das Cafe Konspira mit schmackhaften Cider zum Essen; ganz links unten: Motyla Noga in den ehemaligen Gefängnismauern und davor der Zwerg hinter Gittern.

Während meines Spaziergangs durch die Stadt fielen mir – wie oben bereits erwähnt – überall die kleinen, bronzenen Zwerge auf, die diversen Aktivitäten nachgingen. Natürlich fragte ich mich sofort, was es damit auf sich hat. Die Erklärung ist war dank Internet schnell gefunden:

In den 1980er Jahren rief die »Orange Alternative« – eine politisch-künstlerische Bewegung – zu spontanen Aktionen und Happenings, wie zu Demonstrationen im Zwergenkostüm auf. Auch ein gusseiserner Zwerg (»Papa Zwerg«) wurde aufgestellt. Die in der zweiten Hälfte der 1980er Jahre gesprühten Zwergen-Graffiti erlangten Ruhm und Berühmtheit und wurden so zum Sinnbild der Bewegung. Mit ihren »witzigen« und zeitgleich oppositioneller Logik geprägten Aktionen übte die Bewegung Widerstands gegen den grauen Stillstand im Alltag und gegen das kommunistische Regime in Polen.

 

Im Sommer des Jahres 2001 tauchten im Rahmen eines Kunstprojektes von Studierenden an der Kunsthochschule schließlich die ersten Zwerge im Stadtgebiet auf. Im Jahr wurde der Künstler Tomasz Moczek das erste Mal beauftragt, zwölf Zwerge zu fertigen. Seitdem gibt es sie in den verschiedensten Posen in der ganzen Stadt. Anfang 2009 gab es bereits 95 Exemplare. Mittlerweile sind es weit über 200. Manche sprechen sogar von über 300. Wieviele es genau sind, weiß niemand so genau.

Ferkel und die Breslauer Zwerge.
Ferkel und die Breslauer Zwerge. Unten in der Mitte: Papa Zwerg.

Eine kleine Mission.

Und schließlich kramte ich in meiner Fototasche und fischte eine alte Postkarte heraus. Diese hatte ich mir von meinem Wochenend-Ausflug aus Wien mitgebracht. Ich hatte sie auf dem Samstags-Flohmarkt am Naschmarkt entdeckt: eine alte Fotografie vom Hotel Monopol in Wrocław. Damals investierte 2 Euro und erstand die Karte für mein kleines Fotovorhaben, welches ich nun in Wrocław umsetzte. Hier im Video gehe ich näher auf diese kleine Mission ein:

Leider blieb es bei diesem einem Bild. Trotz eines kleinen Aufrufes nach alten Fotografien von Breslau und eigener Recherche im Familienumfeld fand ich vor meiner Abreise keine weiteren Aufnahmen. Aber Wrocław ist ja nur 6 Autostunden von Magdeburg entfernt. Sicher lässt sich dieses Projekt eines Tages mal fortsetzen. Vielleicht ja gerade jetzt erst recht, wenn du das Video gesehen hast und Familienangehörige oder Freund*innen fragst und im eigenen Fotofundus stöberst.

Ich freue mich noch immer über Zusendungen alter Aufnahmen dieser wirklich beeindruckenden und geschichtsträchtigen Stadt.

 

Irgendwann kehrte ich völlig erschöpft heim und ließ mich auf die – für meinen Geschmack – viel zu weiche Liege im Hostel fallen. Draußen läutete die Glocke der Rathaus-Uhr die nächtliche 1. Stunde ein und ich schloss die Augen. Das nächtliche Stimmengewirr säuselte mich irgendwann in den Schlaf und ich war gespannt auf die nächsten Tage und auf das, was mir diese kulturelle Metropole noch bereit halten würde.

 

Hier gibt es noch einmal alle wichtigen Stationen und Tipps zum Essen als Übersicht:

… An den folgenden Tagen sah und erlebte ich noch viel: so unter anderem das Wasserspiel bei der Jahrhunderthalle, Straßenbahnfahrten – bei denen die Stadt an einem vorbei zieht, Kunst im öffentlichen Raum sowie in den Museen und Galerien. Auch der botanische Garten und der Zoo sind sehr zu empfehlen. Überhaupt ist Breslau eine junge Stadt, in der es einem nicht so schnell langweilig wird, denn viele Dinge werden erst beim zweiten Hinschauen und das Schlendern in den Straßen sichtbar.

 

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4 Comments

  • In Breslau war ich in der letzten Zeit auch einige Male – tolle Stadt, hatte ich gar nicht so erwartet. Vor allem, dass soviel Street Art über die Stadt verteilt ist! Ich war begeistert! Falls das auch Dein Thema ist, für den nächsten Besuch: Auf der „Standard“-Karte vom Tourismusbüro (die liegt überall aus) sind ganz viele Street-Art-Werke eingezeichnet, die meisten hätte ich nie im Leben entdeckt, weil sie so versteckt in irgendwelchen Hauseingängen liegen. Hab’ darüber gebloggt, wenn Du Dir ein paar Sachen anschauen magst!
    Liebe Grüße,
    Tatiana
    P.S. Die Essenstipps hab ich mir direkt notiert, in Breslau macht es soviel Spaß, neue Läden zu entdecken!

    • Danke liebe Tatiana für deinen Kommentar. Ja, stimmt, so richtig viel hatte ich im Vorfeld auch nicht von Wroclaw erwartet und wurde dann richtig doll positiv überrascht und ich wundere mich jetzt echt, warum ich da nicht schon eher mal einen Stopp gemacht hab. 🙂

  • Oh Mist, hättest du den Beitrag nicht erst nächste Woche veröffentlichen können? Ich bin am Wochenende grob in der Gegend, für Breslau bleibt aber leider keine Zeit.
    Bevor ich das hier gelesen hatte, vermutete ich nur, dass ich was verpasst. Jetzt weiß ich es! 🙂

    Naja, man kann nicht alles haben. Sehr schöner Bericht, der Lust auf die Stadt macht.

    Viele Grüße,
    Marc

    • Danke dir Marc für dein Feedback. Tja … sorry, da konnte ich jetzt leider nicht noch länger warten … der sollte eigentlich schon letzte Woche on air gehen. … aber so hast du zumindest nen Grund, nochmal nach Breslau zu fahren. 🙂 Es lohnt sich auf jeden Fall!
      … und wo geht es für dich hin?
      Liebe Grüße Kirsten

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